»Krieg und Frieden.«

Zum Thema im Musikfest Stuttgart 2018

Ein altes lateinisches Sprichwort sagt »Si vis pacem para bellum«: Wenn Du den Frieden willst, bereite den Krieg vor. Gemeint ist damit sicherlich nicht, dass man in Friedenszeiten aktiv an der Vorbereitung eines Krieges arbeiten sollte, sondern dass auch im tiefsten Frieden die Bereitschaft zu seiner Verteidigung bestehen muss. Sind damit Krieg und Frieden automatisch miteinander verbunden? Ein Blick in die Geschichte lässt dies sehr wahrscheinlich erscheinen.

1618 – 1648 – 1918 – 1968. Das diesjährige Musikfest Stuttgart widmet sich mit »Krieg und Frieden« einem Thema, das im Jahr 2018 durch einige Gedenktage verstärkt in die aktuelle Aufmerksamkeit gerät. In diesem Jahr jähren sich der Beginn des Dreißigjährigen Kriegs zum 400. Mal, der ihn beendende »Westfälische Friede« zum 370. Mal; das Ende des 1. Weltkriegs (den die Zeitgenossen als einen ›zweiten‹ Dreißigjährigen Krieg ansahen) liegt inzwischen 100 Jahre zurück. Und die europaweit berühmte 68er-Bewegung, aus der nicht zuletzt auch die Friedensbewegung hervorgegangen ist, wird 2018 fünfzig Jahre alt.

Bereits aus diesen geschichtlichen Wegmarken lassen sich unterschiedliche Perspektiven für die Programmgestaltung gewinnen. Kaum eine Kunst, zumal Musik, ist von den Zeitläufen unbeeinflusst geblieben, in denen sie entstand. Und so finden sich im diesjährigen Musikfest Programme, die sich absichtsvoll aus Werken einzelner Komponisten zusammensetzen, die deutlich von den unruhigen Zeiten sprechen, denen sie verhaftet sind. Im Eröffnungskonzert ist es ein reines Haydn-Programm, mit Werken aus den 1790er Jahren, in deren Musik sich an prominenter Stelle die damals sehr präsenten französischen Revolutionskriege zu Wort melden und damit als manifeste Bedrohung Einzug in den Konzertsaal halten. Das Abschlusskonzert wiederum erzählt mit Kompositionen Georg Friedrich Händels die Geschichte des europäischen Friedens von Utrecht im Jahr 1713 und klingt mit seinem prachtvollen Te Deum und Jubilate aus.

Im 17. Jahrhundert wurde der sämtliche Bereiche des Lebens durchziehende Krieg meist künstlerisch überhöht, wenn nicht sogar ironisch karikiert. Beim Konzert des Berner Orchesters für Alte Musik, Les passions de l'Ame, erklingen mit der Turceria von Johann Joseph Fux und der Sonata Die Türkenschlacht bei Wien 1683 von Andreas Anton Schmelzer Werke, die danach trachten, die feindliche Bedrohung vor den Toren Wiens in ein exotisches Hörabenteuer zu verwandeln. Eine faszinierende Parallele zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem 1. Weltkrieg schlägt das Konzert »Krieg dem Kriege!« in der Reihe »Unternehmen Musik« bei der Alfred Kärcher GmbH. Musik aus dem 20. Jahrhundert werden Texte des 17. Jahrhunderts zur Seite gestellt – und umgekehrt. Es ist erstaunlich, wie treffend sich Texte des Barockdichters Andreas Gryphius mit der Kriegsfibel von Brecht/Eisler verbinden und welche gemeinsame Stoßrichtung Gedichte von Tucholsky und Kästner mit der Musik Tomas Luis de Victorias und Heinrich Schütz’ entwickeln können.

Eine Geschichte vom Soldaten erzählt auch Igor Strawinskys Komposition von 1917/18, mit Musik und Text (gelesen, gespielt, verkörpert von Dominique Horwitz) nach Art eines russischen Jahrmarktspiels, das ein wenig an die Theatralik des 17. Jahrhunderts erinnert. Dass das Gedenken an einen Krieg genauso eine Kunst des Friedens und der Versöhnung hervorbringen kann, beweist das von der Klett Gruppe unterstützte Programm aus der Reihe »Unternehmen Musik« mit dem britischen Tenebrae Choir. Zum 100jährigen Ende des 1. Weltkriegs begibt er sich in diesem Jahr auf eine »Remembrance«-Tour, mit a cappella-Werken britischer Komponisten, die an den Krieg, die Gefallenen und den Verlust geliebter Menschen erinnern. Und mit einem versöhnlichen Ende, denn das Konzert schließt mit einem Werk aus der Feder des deutschen Komponisten Arnold Schönberg: Friede auf Erden.

Andere Perspektiven, andere Formate. Erich Kästners utopisches Kinderbuch Die Konferenz der Tiere von 1949, in dem die Tiere die Sicherung des Weltfriedens selbst in die Hand nehmen, nachdem sich die Menschen (mal wieder) untereinander nicht einig geworden sind, findet als Lesung mit Soloklarinetten-Einwürfen bei der Firma TRUMPF (ebenfalls in der Reihe »Unternehmen Musik«) statt. Szenenwechsel: Im Mercedes-Benz Museum zelebriert Andrej Hermlins Swing Dance Orchestra im originalen Outfit und mit perfektem Stilgefühl einen Tribute to Glenn Miller, der als musikalischer Truppenbetreuer im 2. Weltkrieg über dem Ärmelkanal verschollen ist (Musik wurde also auch gewissermaßen zur Kriegsführung eingesetzt).

Wie in einer Seifenblase, neben den Realitäten von Krieg und Frieden, spielt Johann Adolph Hasses barocke Serenata Marc’Antonio e Cleopatra, die das Stuttgarter Kammerorchester mit zwei ausgewählten Solistinnen unter der Leitung von Alte-Musik-Star Reinhard Goebel auf die Bühne des Mozartsaals in der Liederhalle bringen wird. Vor dem Hintergrund antiker Machtkämpfe geht es hier nur um große Gefühle und Leidenschaften zwischen zwei Menschen: Liebe in Zeiten des Krieges. Das Rückgrat eines jeden Musikfests bilden die »Sichten auf Bach« – ein inzwischen etabliertes Zusammentreffen international renommierter Bach-Interpreten, die alle mit »ihrem« Bach im Gepäck nach Stuttgart kommen, um mit ihren Ensembles und mit Akademieleiter Hans-Christoph Rademann und seiner Gaechinger Cantorey ein breites Spektrum der Bach-Interpretation zu entfalten. In diesem Jahr sind es Hermann Max, Ton Koopman, Thomaskantor Gotthold Schwarz (mit dem Thomanerchor) und der Stuttgarter Jörg Halubek. Für das übergeordnete Musikfest-Thema hat jeder von ihnen ein besonderes Bach-Programm zusammengestellt, das sich seine eigenen musikalischen Gedanken über »Krieg und Frieden« macht.

Der Fokus auf Bach lässt auch Raum für Experimente. Hierfür ist traditionell im Musikfest das BACH.LAB zuständig, in dem 2018 Daniel Schmahl und seine Jazz-Mitstreiter Bachsche Werke humorvoll durch einen postalischen Irrtum in der Karibik landen und dementsprechend anders klingen lassen. An einem anderen Abend im Club Wizemann wird Friederike Rademann, die Erfinderin und Leiterin von »BachBewegt! Tanz!«, dem Jugendprogramm der Internationalen Bachakademie, das BACH.LAB in eine Tanzwerkstatt verwandeln und darin auch zu Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier tanzen.

In diesem Jahr gibt es wieder ein umfangreiches Wort-Programm, das die einzelnen Konzerte im Musikfest bereichern, erläutern und begleiten will. Neben dem »Klangatelier« und dem Format »NachGedacht« (in der Hospitalkirche) findet dies vor allem in den Gesprächen des Musikfest-Cafés im Hospitalhof statt, mit Gästen, die dem Thema »Krieg und Frieden« noch viele weitere, inhaltlich schillernde Facetten hinzufügen werden. Auch die Filmvorführung des preisgekrönten Dokumentarfilms NICHT OHNE UNS!, in dem Kinder aus fünfzehn Ländern ihre Träume und Ängste schildern, gehört dazu.

Wenn die 16 Tage Musikfest Stuttgart 2018 vielen Menschen gemeinsame Konzerterlebnisse beschert, sie für Neues begeistert, mit Bekanntem erfreut und miteinander ins Gespräch gebracht haben, dann ist ein kleines Stück Utopie Wirklichkeit geworden. Denn dann hat die angeblich zweckfreie Kunst doch einen großen Zweck erfüllt, nämlich den, Menschen zusammenzubringen.

Dr. Henning Bey
Chefdramaturg

facebook
Feedback