Gaechinger Cantorey (Foto: Roberto Bulgrin)
Gaechinger Cantorey (Foto: Roberto Bulgrin)

Stellungnahme

Ohne Musik wird es still. Stellen wir uns ein Leben ohne Konzertbesuche vor, ohne Musikhören, ohne Musizieren – kurz: ohne in Echtzeit gespielte und physisch erlebte Musik. Es wäre nicht nur eine stille Welt: Es wäre ein Leben ohne das gemeinschaftliche Miteinander, geschaffen durch das aktive Musizieren genauso wie das gemeinsame Konzerterlebnis. Es wäre ein Leben, das einer urmenschlichen Ausdrucksform beraubt ist. Ein Leben ohne die tief geistige und emotionale Erfahrung und ohne das gemeinschaftliche Sich-Seiner-Selbst-Vergewissern im Erlebnis von Kultur. Die kulturelle Erfahrung macht unser Menschsein aus und hält unsere Gesellschaft intellektuell und emotional zusammen.

Seit Beginn der Corona-Krise haben wir an die hundert Auftritte absagen müssen, eigene Veranstaltungen wie auch Gastspiele. Die freischaffenden Musikerinnen und Musiker der Gaechinger Cantorey stehen vor existentiellen Problemen, die auch den Fortbestand des Ensembles gefährden. Freiluftkonzerte im Sommer und ein gelungener Start in die Konzertsaison vor beschränkten Zuschauerzahlen waren erste Lichtblicke. Unsere funktionierenden Hygienekonzepte haben Konzerte für bis zu 500 Personen ermöglicht. Weder bei den Musikerinnen und Musikern noch beim Publikum sind nach unserer Kenntnis Infektionen aufgetreten. Unser Publikum hat sich äußerst diszipliniert verhalten und alle Maßnahmen eingehalten. Die Konzertsituation im klassischen Konzert, bei dem Besucher ruhig am Platz sitzen, Maske tragen und Gefallen durch Klatschen ausgedrückt wird, minimiert zudem das Ansteckungsrisiko.

 

Auf die Stille in den dazwischenliegenden Monaten haben wir mit digitalen Formaten reagiert: Musikalische Grüße und Podcasts sind in dieser Zeit entstanden; dieser Tage zeichnen wir eine Matthäus-Passion auf. Das virtuell Rezipierte ersetzt das reale Erleben im Konzertsaal nicht und digitale Formate, wenn auch mit pay wall versehen, vermögen die wirtschaftliche Existenz von Künstlerinnen und Künstlern sowie Konzertveranstaltern nicht zu sichern.

Die Internationale Bachakademie Stuttgart ist eine privatwirtschaftliche Institution, die institutionelle Förderungen von Stadt und Land erhält. Zu mehr als 50% jedoch wird der Umsatz aus Kartenerlösen, Honoraren, Spenden erwirtschaftet. Mit generellen Veranstaltungsverboten wird solchen Institutionen die Geschäftsgrundlage entzogen; Musikerinnen und Musikern wird faktisch ein Arbeitsverbot erteilt. Nach inzwischen acht Monaten lässt sich sagen, dass dabei nachhaltige Verluste für das kulturelle Leben unserer Stadt und unseres Landes entstehen.

Ziel der von Bund und Ländern mit Wirkung zum 2. November beschlossenen Maßnahmen, einschließlich des Veranstaltungsverbots, ist die Reduktion sozialer Kontakte. Wir erkennen unsere gesellschaftliche Verantwortung als Veranstalter in der Krise an. Damit es aber Kultur nach Corona geben kann und in unserem Leben keine Stille einkehrt, halten wir es für unabdingbar, Veranstaltungen differenziert zu betrachten und Kultur da zu ermöglichen, wo sie mit tragbarem Risiko stattfinden kann. Nur so kann sie erhalten werden.

 

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