Tagebuch Südamerika

Ostersonntag, 5. April 2015: Ankunft in Sāo Paulo

Das Wichtigste zuerst: Alle sind wohlbehalten und mit komplettem Instrumenten- und Gepäckbestand in Sāo Paulo eingetroffen. Bereits der Start der Stuttgarter Gruppe verhieß eine weniger optimistische Prognose: Der ICE landete aus nicht genannten Gründen in Untertürkheim, wechselte dort die Fahrtrichtung und kam eine knappe Stunde zu spät in Mannheim an. Dort wartetet immerhin ein Zug, der uns noch pünktlich zum Flieger brachte. Nach einem 12-Stunden-Flug (u.a. mit spektakulärem Blick auf das nächtliche Paris) werden wir uns nun für den Rest des Tages (hier sind wir 5 Stunden früher als daheim) akklimatisieren: jeder halt auf seine resp. jede auf ihre Weise. Wir wünschen allen Lieben und Freunden einen schönen Ostersonntag!

(Oster)montag, 6. April 2015: Eine unbegreifliche Stadt und ein unglaublicher Start

Was für eine Stadt: unübersehbar, undurchdringlich, unbegreiflich! Als wir von der Spitze des Edifício Itália aus den Horizont am Ende des Häusermeeres nicht ausmachen können, werden uns dessen gigantischen Dimensionen noch immer nicht wirklich bewusst. Stärkung in einer Churrascaría (auch nichts für schwache Nerven!). Am nächsten Morgen ein wunderbar entspanntes, für alle sehr erholsames Frühstück auf Einladung des deutschen Generalkonsuls Friedrich Däuble. Abends das erste Konzert mit Händels »Messiah« in der Sala Sāo Paulo, einem der schönsten Konzertsäle weltweit (eine aus- und umgebaute Bahnstation!). Standing Ovations und Bravo-Wogen: nun sind wir wirklich angekommen!

Dienstag, 7. April 2015: Ein Tag des Voneinander Lernens

Während die Gächinger ihren freien Tag genießen durften (nicht wenige zog es ans Meer), waren heute etliche Bach-Collegen als Lehrer und Kammermusiker unterwegs. Am Vormittag verteilten sich elf Dozenten auf gleich zwei Musikschulen zu einem Mini-Meisterkurs für die Schülerinnen und Schüler der Escola Municipal de Música und der Escola de Música do Estado de Sāo Paulo.

Ein Kammerensemble des Orchesters fuhr mit Gernot Rehrl und dem Redakteur zu einem Zentrum des Vereins Monte Azul, der seit vielen Jahren unermüdlich in den Favelas tätig ist, um Kindern und Jugendlichen aus den armen und ärmsten Bevölkerungsschichten eine Chance für die Gestaltung ihrer Zukunft zu ermöglichen. Prägende Persönlichkeiten des Vereins sind die bekannte Autorin und »Brückenbauerin« Ute Craemer, aber auch Renate Keller (verwandt mit unserem langjährigen Intendanten Andreas Keller), die uns die Arbeit von Monte Azul mit großer Liebe erläutert und gezeigt hat. Ein kleines Konzert gab es zunächst vor 170 Kindern Jugendlichen aus der näheren Umgebung. Dann ging es hinunter in die Favela mit ihren krassen Gegensätzen aus Drogenhandel und den Gemeinschaft-Projekten von Monte Azul. Eine sehr berührende Wiederbegegnung mit zwei Zuhörerinnen, viele Fragen, viel Nachdenken, aber auch viel Hoffnung: Es war einer jener unglaublich reichen Tage, den niemand von uns je vergessen wird. Generalkonsul Friedrich Däuble, ebenfalls zutiefst bewegt, blieb die ganze Zeit über in der Gruppe.

Mittwoch/Donnerstag, 8./9. April 2015: Finale in Sāo Paulo

Der Flashmob in unserem Hotel in Sāo Paulo (wie zu sehen ist: ein interessanter Bau!) entsprang tatsächlich einer spontanen Idee und wurde erst am Frühstück des Mittwochs als Flüsterpropaganda an alle Beteilgten ausgegeben. So betrachtet: ein beachtliches Ergebnis. Am Donnerstagabend dann das erste Konzert mit der h-Moll-Messe, wiederum in der Sala Sāo Paulo, wiederum mit großem Jubel aus dem Publikum. Ganz besonders gefreut haben wir uns über zwölf Besucher der Generalprobe: Renate Keller kam mit den Kindern aus ihrer Favela extra hierzu in die Stadt (nach anderthalb Stunden Fahrt mit der Metro!) – was für ein herzergreifendes Wiedersehen!

 

Freitag, 10. April 2015: Ein Tag in Rio de Janeiro

... und ein Tag der Superlative:
- in der lautesten Stadt bislang
- in der Stadt mit der größten Dichte an Omnibussen
- mit einem Auftritt im Theater mit dem schönsten Foyer
- mit der allergrößten Begeisterung des Pubikums
- mit dem frühesten Morgenausflug einer kleinen Gruppe vor der Abfahrt:
Saludos Copacabana, Corcovado & Zuckerhut!

 

Samstag, 11. April 2015: Ein Tag in Montevideo

Endlich sollte sich auch der längst ausgeheckte Plan eines weiteren Flashmobs in die Tat umsetzen: Ein ziemlich grandioses »Quoniam«, dargeboten in unmittelbarer Nähe der Sicherheitskontrollen auf dem Flughafen in Montevideo, gleichsam der erste Bachsche Messsatz, der mit kontrollierter Sicherheit seit Bestehen des Passagierflugwesens in einem derartigen Gebäude jemals aufgeführt wurde: Altissimus! Ähnlich grandios gestalteten sich diverse Stadtgänge, die von tollen Hafenimpressionen über Strandbesuche mit dem Fahrrad bis zum gezielten Ansteuern einer Art Pilgerstätte reichten: Bislang unübertroffen und vermutlich unübertrefflich die kulinarischen Erfahrungen bei den derben Grillkünstlern des Mercado del Puerto. Abends wiederum Jubel und Begeisterung nach dem Konzert im Teatro Solis.

 

Montag, 13. April 2015: Buenos Aires I

Mit einem Katamaran der lustigen Firmenbezeichnung Buquebus ging es die knapp 200 km über Wasser nach Buenos Aires. Leider waren wir in dem rasante 100 km/h hinlegenden Gefährt hermetisch eingeschlossen, und auch die Scheiben waren für alles andere als einen Sichtkontakt zur Außenwelt konzipiert. Im Hotel in Buenos Aires (direkt gegenüber vom Teatro Colón!) ein Empfang durch hunderte kreischender Teenager. Tatsächlich konnten einige Ensemble-Persönlichkeiten mit ausgeprägtem Geltungsbedürfnis erstaunliche Auftritte beim erneuten Hinausgehen provozieren, da sie offenbar für bislang unerkannte Star-Youtuber gehalten wurden. Besuche auf dem knallbunten Markt in San Telmo oder auf dem Cementerio »La Recoleta« waren kontrastreiche Visiten der ersten beiden Tage. Umwerfend für alle (auch die alten Hasen) dann das Innere des zu Recht legendären Teatro Colón. Ein volles Haus, die vierte h-Moll-Messe der Tournee und Ovationen am Ende: ¡Muchas gratias Buenos Aires! (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 15. April 2015: Buenos Aires II

Dienstag: freier Tag für alle! Ein Ausflug: das war eigentlich alles, was wir wussten. Guillermo, ein Freund unserer Oboistin Julia, holte uns mit der immer noch recht geheimnisvollen Zusicherung »Es wird sehr schön« im Hotel ab und sollte uns den ganzen Tag über ein geradezu liebevoller Reisebegleiter sein. Und gereist wurde nicht wenig! Mit der Metro bis zur einen, mit einem Vorortzug bis zur andern Endstation, dann weiter auf einem mittelgroßen Diesel auf dem Wasser. Es ging, zunächst mit einer gewissen Spreewald-Anmutung, schließlich mitten hinein ins Delta zu einem kaum noch bewohnten Seitenarm des Rio Paraná de las Palmas. Hier erwarteten uns Richard und Ana mit ihrer bezaubernd urigen Hostería »Los Pecanes«, schenkten ein und tischten auf. Unzählige schillernde Kolibris, eine putzige Hundefamilie, Hängematten, was auch immer: Jeder von uns fand sein zutiefstes Wohlfühlmoment. Nach der Retoure in die Stadt fuhren wir am Abend zur Residenz des deutschen Botschafters Bernhard Graf von Waldersee zu einem kleinen exklusiven Konzert und anschließenden Empfang. Heute Abend »Messiah« im Teatro Colón, morgen geht es quer durch den Kontinent nach Lima, der letzten Station unserer wundervoll eindrucksreichen Tournee.

 

Freitag, 17. April 2015: Lima

Lima, Perú. Zuvor etliche plattgedrückte Nasen beim Flug über die Anden: bizarre Formationen und Farben, scheinbar nicht von diesem Planeten. Auf der anderen Seite des Kontinents dann wirklich eine völlig andere Welt als die bislang punktuell durchstreiften: hübsche Häuschen mit den typischen Holzbalkonen, nicht höher als zwei Stockwerke, fröhliche Menschen allenthalben, eine Gastronomie zum Verlieben (Ceviche!). Freilich kann das nur eine Mini-Perspektive unseres Kurzzeitblickes sein. Der Weg zum Pazifik erweist sich beispielsweise als arge Geduldsprobe: absolutes Verkehrschaos in einem weiteren Moloch von Stadt. Die Steilküste bröckelt. Geier über der Stadt. Gedankliche Allgegenwart der brutalen Pizarro-Geschichte. Es ist alles zu viel auf einmal... Darum: Konzentration auf unser letztes Konzert, diesmal in einem großen modernen Theaterbau (ein wenig zu groß noch für die bislang gewonnene Besucherzahl): »Wenn es die Möglichkeit gäbe, ein leeres Blatt als Kommentar zu diesem Konzert zu schreiben, dann wäre genau das meine Option. Ich sage dies, weil nämlich eine derart gelungene Partitur und ein so perfektes Klangergebnis, wie wir es heute Abend immer wieder gehört haben, dazu führen, dass Adjektive ihren Wert verlieren und die Musik das letzte Wort hat. Das war meine Wahrnehmung bei jeder Note dieses großartigen Konzertes« (Gonzalo Tello in »El Comercio«, Lima, Peru). Nachtrag Samstag, Nacht zum Sonntag (MEZ): Alle wieder gut daheim gelandet. Sieben Koffer sind noch unterwegs.

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